Der Unterricht hat dieses Semester weitgehend online stattgefunden. Was für Stärken und Schwächen hat diese Lehr- und Lernform gezeigt, welche Chancen nutzen die Hochschulen und wie sieht der Unterricht im nächsten Semester und nach Corona aus?
Text: Matthias Neff, Bild: Tanya Akhmetgalieva
«Fantastisch, wie reibungslos diese Online-Kommunikationsmittel funktionieren», mögen manche mit guter Internetverbindung gedacht haben anfangs des angeordneten Online-Fernunterrichts. Dann dürfte das stundenlange Sitzen vor dem Bildschirm vielerorts Ernüchterung gewichen sein und der Frage, wie der Unterricht nächstes Semester wohl weitergeht.
Markus Freiburghaus, Leiter Ausbildung und Mitglied des Management Board Hochschule für Wirtschaft, bemerkt zum bisherigen Online-Unterricht: «Teile davon werden beibehalten.» Das geschieht einerseits aufgrund der Corona-Situation, denn «wir erwarten für das Herbstsemester noch gewisse Einschränkungen, etwa Veranstaltungen mit maximalen Teilnehmerzahlen.» Das zwingt zu Alternativen online. Andererseits sind einige Instrumente «positiv angekommen», beispielsweise das Aufnehmen und zur Verfügung stellen von Präsenzveranstaltungen in digitaler Form. «Dieses asynchrone Element wird beibehalten», stellt Freiburghaus fest. Ebenfalls gefragt sind vertontes Lernmaterial, etwa «Powerpoint-Unterlagen mit gesprochenen Kommentaren.» Befragungen zur Online-Nutzung sind noch am Laufen. Diesen Sommer soll die Unterrichtsweise für das nächste Semester feststehen, so Freiburghaus.
Nähe erwünscht
Radikale Vorschläge – Studierende, die auch in Zukunft von Zuhause aus lernen und so die Infrastruktur entlasten – stossen nicht auf Gegenliebe, konstatiert Freiburghaus: «Persönlicher Kontakt wird von Weiterbildungsteilnehmenden und Studierenden geschätzt, da sind die Rückmeldungen klar.» Es ist offen, inwiefern diese Erkenntnisse auch für die anderen acht Hochschulen der Fachhochschule Nordwestschweiz gelten. Doch die folgenden Eindrücke, gesammelt bei einer Expertin und einem Dozenten, weisen alle in dieselbe Richtung.
Lernschub dank Krise
Der Zwang zum Online-Lernen zuhause und die allmähliche Rückkehr zur Präsenzveranstaltung könnten für verbesserten Unterricht sorgen, der sich irgendwo zwischen den beiden Extremen einpendelt. Das Resultat: Blended Learning. «Präsenz und Online wechseln sich in sinnvoller Verknüpfung ab», wie Ricarda Reimer definiert, Leiterin Fachstelle Digitales Lehren und Lernen in der Hochschule. Sie attestiert Studierenden und Dozierenden während der vergangenen Wochen «eine steile Lernkurve». Zu Beginn des Lockdown hätten viele Dozierenden versucht, «ihre Präsenz eins zu eins in den virtuellen Raum zu verschieben.» Das habe für Studierende und Dozierende bedeutet, plötzlich fünf, sechs Stunden vor dem Computer sitzen zu müssen. Als Reaktion auf diese Überlastung haben die Dozierenden mehr asynchrone Lerninhalte angeboten, Powerpoint-Unterlagen vertont, Screencasts – Video-Aufzeichnungen der Vorgänge am Bildschirm – oder Video-Aufzeichnungen Ihrer Vorträge zur Verfügung gestellt.
Innovation ist Investition
Im Übrigen seien gute Blended-Learning-Veranstaltungen aufwändiger als Präsenzunterricht; auch weil die Dozierenden der Erwartung niedriger Response-Zeiten – im Idealfall unter 72 Stunden – genügen wollen und entsprechend häufig online sind. Der Qualitätsgewinn, durch asynchrone und synchrone Lernelemente besser auf die Studierenden eingehen zu können, hat somit seinen Preis, den zu zahlen die Fachhochschule fähig und gewillt sein muss.
Im Feedback-Vakuum
Auf Stufe der Lehrenden beschreibt Stefan Güntert, Dozent für Organizational Behavior, den Vorteil von Video-Aufnahmen. Diese erlauben konkrete Unterstützung bei der Betreuung von Abschlussarbeiten, etwa bei der Datenauswertung. Doch bedauert er die fehlende Lebendigkeit und «das unmittelbare Feedback, da die Kameras und Mikrofone der Studierenden in der Regel ausgeschaltet sind». Trotzdem möchte er die Online-Angebote in Zukunft als Ergänzung beibehalten. Als Beispiel fügt er die «‹Fragestunden› vor den Prüfungen» an, die online einfacher durchzuführen sind wie wenn er extra Räume suchen und buchen muss. Unterricht online, etwa via aufgezeichnete Videos, dürfte besonders für Teilzeitstudierende eine wertvolle Ergänzung sein.
Vergangenheit – uploaded
Die Corona-Welle hat mit dem verordneten Online-Distanzlernen die Studierenden plötzlich auf ihre eigenen Lerninseln geschwemmt. Doch dort bleiben wollen und sollen sie anscheinend nicht. Der Unterricht nach Corona wird sich so wieder hauptsächlich über die Präsenzveranstaltungen definieren, allerdings vermehrt ergänzt durch Online-Lehrmittel samt Unterrichtsvideos. Wer an der Fachhochschule studiert und sich weiterbildet, wird das in Zukunft also noch etwas besser auf eigene Vorlieben, Tagesrhythmus und (Berufs-)Zwänge abstimmen können, mit Blended Learning: Im besten Fall verbindet es die Vorteile beider Welten. Einerseits die Lebendigkeit des analogen Unterrichts samt sofort möglichen Rückmeldungen und andererseits das asynchrone und vertiefende Lernen online. Ausbildung sollte so vielgestaltiger und individueller werden. So sichtbar dramatisch wie im Frühjahrssemester 2020 wird es im nächsten Semester jedoch wohl nicht weitergehen.