«So können wir Schwarmintelligenz nutzen»

Wenn Seuche und Krieg die Welt verheeren, ist man besser gut vorbereitet. Der Vizepräsident Hochschulentwicklung Daniel Halter über die Reaktion der Fachhochschule Nordwestschweiz und wie Strategie-Schwerpunkte erarbeitet werden.

Das Interview fand am 14. März 2022 statt, sechzehn Tag vor dem Entschluss des Bundesrates, «die letzten Massnahmen in der Covid-19-Verordnung» aufzuheben, sowie achtzehn Tage nach der russischen Invasion der Ukraine.

Text: Matthias Neff, Bild: R. Sebastian Schachinger I’ve always wanted a treehouse

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Ist die Strategie der Fachhochschule Nordwestschweiz so stabil, dass sie die Folgen des Kriegs in der Ukraine verkraftet?

Die Strategie ist so aufgebaut, dass sie widerstandsfähig ist gegenüber solchen Ereignissen. Sie lässt viel zu und hat viel Platz. Ausserdem stehen schnelle Instrumente immer zur Verfügung. Zum Beispiel konnten wir während der Coronazeit schnell recht viel Geld für Sofortmassnahmen zur Seite schieben, etwa die Informatik betreffende Unterstützung in der Lehre. Bezüglich der Ukraine haben wir zwar keinen Studiengang Krieg- oder Friedensforschung, aber Russlandexperten oder Expertinnen für Ost- und Zentraleuropa. Diese werden beigezogen, um Wissen abzuholen, wie es weitergehen und was aus diesem Konflikt folgen könnte. Im durch den Konflikt stark beeinflussten Energiebereich sind wir bereits mit gewissen Projekten aktiv, die wir einfach noch erweitern könnten. Ich glaube, wir sind sehr breit aufgestellt, um rasch auf Änderungen in der Gesellschaft reagieren zu können.

Erwarten Sie mehr Studierende aus der Ukraine?

Wir haben bereits jetzt erste Flüchtlinge, die ankommen. Gerade am Anfang des Krieges haben wir eine Taskforce eingerichtet. Wir haben auch auf der Webseite einen ersten Link. Dieser ist natürlich noch sehr rudimentär, aber wir arbeiten daran. Alles ist ruck zuck gegangen, dennoch haben wir schon relativ viele Anfragen von ukrainischen Studierenden und Forschenden, um an der Fachhochschule einen Platz zu finden. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei anderen Hochschulen der Schweiz. Mit diesen stehen wir zu dieser Thematik in dauerndem Austausch, ebenso mit Bund und Kantonen.

Sie haben erwähnt, wie wichtig richtig gewählte Schwerpunkte sind. Wie kommt man zu diesen?

Das ist ein langer, mehrjähriger Prozess mit vielen Schleifen. Wir befragen die Arbeitswelt ebenso wie die Studierenden. Ausserdem haben wir mit den Forschenden und Praxispartnern Kontakt. Während eines Projekts fragen wir nicht nur «Wie ist das gegangen?» Sondern auch: «Wo könnte es neue Projekte geben, wo bewegt sich der Markt hin?» Wir versuchen also, durch die Befragung von Akteuren, darunter Studierende, Alumni, Forschende und Praxispartner, eine Stakeholderanalyse zu erstellen.

Daneben nutzen wir internationale Trendstudien, z. B. den Horizon-Report. Forschende weltweit geben darin ihre Meinungen ab. Dazu kommt die eigene Forschung, die sich ebenfalls damit befasst, wohin es geht. Alle diese Meinungen zu Trends fliessen zusammen innerhalb der Hochschulen, werden gebündelt, gefiltert und beurteilt. Die oberste strategische Ebene setzt sich anschliessend mit diesen Erkenntnissen auseinander und diskutiert sie mit den Regierungen der vier beteiligten Kantone. Danach fliessen sie in den für vier Jahre gültigen Leistungsauftrag ein, aktuell 2021 bis 2024. Im Übrigen analysieren und diskutieren ja nicht nur wir Trends. Auch an den Hochschulen, an denen ich früher gearbeitet habe, war das so.

Das hört sich nach vielen Sitzungen an. Worin liegt der Reiz dieser Arbeit?

Gut, beim Formulieren der Hochschulstrategie mitzuhelfen ist nur ein Teil meines Jobs. Das Spannende ist, mit 150 Personen der Fachhochschule zum Beispiel in speziell diesem Thema gewidmeten Sitzungen die Trends zu diskutieren und zu analysieren. Dabei können wir die breite Kompetenz und Intelligenz der Forschenden und Dozierenden nutzen. Die leben ja nicht isoliert, sondern sind durch ihre Forschung eingebunden und hören aus diesem Umfeld etwas. So können wir Schwarmintelligenz nutzen, um die Hochschule weiterzuführen.

Die Erkenntnisse werden dann reflektiert und auf die Situation der Fachhochschule angepasst. Dabei stellt sich auch die Frage: «Was ist überhaupt unsere Unique Selling Proposition als Fachhochschule Nordwestschweiz?» Nicht alle Universitäten oder Fachhochschulen haben eine pädagogische Hochschule oder eine für Musik. Wir sind da zum Teil einzigartig in der Schweiz und das gibt ein entsprechendes Profil, das dann wiederum die Strategien beeinflusst.

Wie funktioniert Qualitätsmanagement in der Praxis – Kennzahlen festlegen und überprüfen?

Es geht nicht nur um Kennzahlen, sondern auch um qualitative Aussagen: «Haben Sie als Absolvent*in wirklich das erreicht am Schluss, was wir uns vorgenommen haben?» Wir evaluieren das nicht an ihnen einzeln, sondern fragen die Arbeitgeber: «Ist jetzt unser Absolvent, unsere Absolventin wirklich ein Mehrwert in Ihrer Firma? Bringt er oder sie das mit, was wir hätten mitgeben wollen?» Mit den Arbeitgebern sind wir oft in Kontakt, z. B. über Praktika, Austausche usw. Ausserdem hat jede Hochschule einen Fachbeirat aus Wirtschaft und Industrie. Dieser gibt Feedback, ob die Kompetenzprofile für die Studiengänge noch stimmig sind.

Sind Sie zufrieden mit der Reaktion der Fachhochschule auf die Coronakrise?

Also zufrieden – ich glaube wir haben das sehr gut gemacht. Wir hatten Glück oder eine glückliche Hand in der Auswahl unserer strategischen Entwicklungsschwerpunkte: aktuell die Digitalisierung und zu Beginn der Coronazeit hatten wir gerade die interdisziplinäre Zusammenarbeit abgeschlossen. Mit dem Interdisziplinären hatte man bereits über die Hochschulen hinweg Kontakt durch Innovationsprojekte und konnte sich austauschen über bewährte Handlungsweisen. Dank der rechtzeitigen Aufschaltung der [Kommunikationsplattform] Webex und dadurch, dass die Hochschulschwerpunkte 2025 schon früher eingeführt worden sind, waren wir relativ gut aufgestellt.

Man darf aber nicht vergessen: Es war ein riesiger Hosenlupf, einerseits für die Dozierenden und Studierenden, andererseits auch in der Forschung. Als Beispiel: Um die Dichte der Personen in den Labors möglichst gering zu halten, hatten wir  in der Hochschule für Life Sciences drei Schichten eingeführt. Man hat also Tag und Nacht den Laborbetrieb laufenlassen und brauchte dafür natürlich auch mehr Leute.

Von Seite der Studierenden war einerseits die Umstellung, andererseits der Umgang mit der neuen Infrastruktur anstrengend. Den Digital Divide hat es zum Teil gegeben: Nicht nur wenig leistungsfähige Laptops, sondern vielleicht gerade gar keinen, weil die Betreffenden bis anhin immer auf dem Desktop des Labors arbeiten konnten. Ausserdem ist es digital noch nicht möglich, das Kunsthandwerkliche zu erlernen, ebenso wenig wie miteinander in einem Orchester zu spielen. Da reicht einfach die [Internet‑]Bandbreite nicht und die technische Finesse, damit die Töne und Klänge sauber rüberkommen.

Nicht zuletzt waren die Leute benachteiligt, die eine Beeinträchtigung haben, vor allem beim Sehen – Es ist halt sehr viel verschriftlicht. Man schickt Textseiten, Skripte usw., was man vorher vielleicht mündlich in der Lektion übertragen hat.

Schwierig waren auch die eingeschränkten sozialen Kontakte. Die Studierenden sind zwei Jahre lang quasi in der Isolation gesessen, oft alleine. Zudem hat man auch bei uns die gesellschaftlichen Spannungen gespürt. Es gab also auf verschiedensten Ebenen Ermüdungserscheinungen, durch diese Belastung und Ungewissheit.

Ein weiterer Aspekt ist die Akustik in Online-Meetings. Da gab es Teilnehmende, bei denen während der ganzen Sitzung oder Lektion die Verbindung schlecht war, so dass man sie nicht gut gehört hat. Durch die Zweidimensionalität konnten sie auch nicht so gut von den Lippen ablesen, wie das im Präsenzunterricht möglich ist. Oder, was auch schwierig ist, wenn eine ganze Klasse [in der Videokonferenz] ist und man anhand kleiner Carré-Köpfe die Mimiken einschätzen sollte. Verständlicherweise gab es auch da Leute, die wirklich genug hatten und keine Lust mehr, gut zu arbeiten.

Was mich erstaunt hat, dass man so ein Unternehmen, wie die Fachhochschule Nordwestschweiz, auch von zu Hause aus steuern kann. Ich war ja auch mehrere Monate im Lockdown und das hat funktioniert. Die Direktionssitzungen haben im Webex stattgefunden und ich war ganz wenig im Büro. Es sind doch 13’500 Studierende und 3’500 Mitarbeitende, also ist das ein rechter Koloss.

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