Text: Niels Jurt, Bild: OpenAI*
«Wie läuft das Leben so?», werde ich in letzter Zeit öfters gefragt. Wenn man den Begriff «Leben» mit Studium verwechselt, könnte man sagen: gar nicht so schlecht. Momentan durchlaufe ich die Assessmentstufe des Studienganges Bachelor of Science in Betriebsökonomie. Modern sind wir, als erster Jahrgang mit Kombi-Studienmodell. Und die Dozierenden sind eigentlich auch alle ganz nett. Nebst meinem Studium arbeite ich als Kundenberater auf einer Bank. Nebenbei mache ich noch eine Ausbildung zum Kletterlehrer beim Bergführerverband. Nebenbei schmeisse ich auch noch einen Haushalt. Nebenbei habe ich vielleicht gar noch ein Sozialleben. Nebenbei hat es zeitlich für eine romantische Beziehung nicht gereicht, sehr zur Missgunst meiner Mutter. Ich sei doch ein Lieber und das gäbe schöne Kinder, möchte man meinen. Doch der Tag hat 24 Stunden, das Wintersemester gar 750. Und der Arbeitgeber ist auch noch froh, wenn man seine wöchentliche Arbeitszeit bei ihm absitzt. Meine Oma? Die würde sich schon länger über einen Besuch freuen.
Fast schon luxuriös erscheint dabei das Leben des modernen Adels. Umgangssprachlich könnte man auch von nicht-erwerbstätigen Vollzeitstudierenden reden. In meinem Bekanntenkreis gibt es viele davon. Gerne schreiben sie mir während gängiger Arbeitszeiten, ob ich denn Lust hätte, sie am Abend in den Club zu begleiten. Als Pöbel werde ich abgestempelt, wenn ich verneine. Ich habe doch bei Herrn Müller noch Integrales Management zur späten Stunde, gar bis 21 Uhr. Dennoch, diese Argumentation bleibt für dieselben zu kurz gegriffen. So kommt es bei der gemeinsamen Ferienplanung öfters dazu, dass ich während der Prüfungsphase lieber in Olten statt Bali verweile. Wohlwollend nehme ich dabei die Erfahrungsberichte meiner finanziell besser situierten Kollegen und Kolleginnen zur Kenntnis. Ich habe meinen sozialen Status erkannt und akzeptiere diesen.
Doch was will ich mit diesen Zeilen bezwecken, ausser vielleicht fünf Bonuspunkte im Modul Business Communication? Einen Klassenkampf auf tertiärer Stufe? Oder will ich nur meinen Geltungsdrang befriedigen? Nein, vielmehr wünsche ich mir ein wenig Rücksicht und Verständnis. In mir wütet nämlich ein ethisches Dilemma. So etwa würde ich dies zumindest im Modul Grundlagen des verantwortungsbewussten
Entscheidens formulieren. Wohlgemerkt fehlt mir die Kraft, samstagmorgens noch eine S3 Richtung Olten zu besteigen um selbiges zu besuchen. Wenn Sie dies lesen, Frau Battaglia, so entschuldige ich mich herzlichst für mein wiederholtes Fernbleiben. Willig bleibe ich dennoch, diese vier Jahre durchzuziehen und mich damit der Tugendethik zu widmen. In Gedanken, die Hoffnung des Ausbruchs aus meiner sozialen Schicht. Und ich werde es besser machen, als die anderen. Ich werde nämlich später fragen «studierst du Vollzeit oder berufsbegleitend?», bevor ich andere als faule Studierende betitle.
*OpenAI. (2024). Microsoft Designer, Design-Output (Relevantester Prompt: «a time-challenged but confident and capable extra-occupational student who feels discriminated against, and who has to carefully manage his time between job, studying, learning to become a mountaineer and clubbing. Abstract design»).