Einschneidende Ereignisse stellen wir uns meistens drastisch, unumkehrbar und vor allem gigantisch vor. Weltverändernde Erlebnisse, das können doch nur über 10 Meter hohe Wellen, Vulkanausbrüche, grosse Erdbeben oder andere Umweltkatastrophen sein. Bildhaft dargestellt, sind diese Ereignisse immer sichtbar und riesengross. Doch was ist mit den unsichtbaren Bedrohungen, welche abseits von grossen Katastrophen auf uns lauern?
Viren sind uns Menschen schon lange ein Begriff. Bereits in der Grundschule werden wir gegen die «kleinen, bösen und unsichtbaren Viren» geimpft. Die meisten Menschen hinterfragen nicht, warum wir das machen, denn anders kennen wir es nicht. Noch alltäglicher ist die tropfende Nase im Winter. Auch hier dachten sich in der Vergangenheit wenige Menschen etwas dabei. Es gehört einfach zu unserem Leben.
Im Nachhinein ist es schwierig zu begreifen, wie man mit dem Bewusstsein über die Grippe leben konnte, ohne sich je damit beschäftigt zu haben. Was ist mit «im Nachhinein» gemeint? Wir können es schon lange nicht mehr hören, doch leider stecken wir immer noch mittendrin: Die Zeit mit Covid-19.
Zurück in die Normalität
Einkaufen mit Maske, Zugfahren mit Maske, Schule mit Maske, all das scheint schon ewig lange so zu sein. Dies bedeutet nicht, dass es uns nicht mehr stört, aber wir arrangieren uns. Auf welche Art und Weise auch immer, irgendwie klappt’s schon. Denn anders geht es nicht. Möglicherweise wird dieses Arrangement am Ende noch zu unserer neuen Normalität?
Unzählige Bücher, Artikel und Filme romantisieren die Studienzeit als beste Zeit unseres Lebens. Nebst dem Erlernen von neuem Wissen sind die Mitstudierenden von elementarer Bedeutung. Dabei geht es um mehr als das freundliche Gesicht anderer Studierenden am Morgen in der ersten Stunde. Wir alle kennen den erlösenden Moment, wenn man ein Thema nicht versteht, sich im Klassenraum umsieht und erkennt, dass es den anderen aus der Klasse genauso ergeht.
Bildschirm als Barriere
Doch wie soll das gehen, wenn das Gesicht durch eine Maske verhüllt ist? Oder schlimmer noch: wenn man Zu Hause vor einem anonymisierenden Computer sitzt? Nicht nur die örtliche Trennung, auch der Bildschirm wirkt auf eine Unterhaltung wie eine Barriere. Man kann sich zwar hören und auch die Kamera einschalten, doch das ist und bleibt eben nicht das gleiche wie eine Konversation von Angesicht zu Angesicht.
Genau so sieht das Studieren in Zeiten von Covid-19 aus. Im September gestartete Studienteilnehmende hatten wenige Unterrichtsstunden zusammen, bevor sie in den Fernunterricht mussten. Den älteren Studiengängen fiel die Umgewöhnung nicht leichter: Was früher vor Ort in der Schule besprochen wurde, muss heute über WebEx oder Teams gemacht werden. Doch es sind nicht die technischen Schwierigkeiten und die damit verbundenen Verzögerungen, die uns das Leben schwer machen. Vor allem fehlt uns der soziale Kontakt. In eine Kamera zu blicken und die Mitstudierenden auf einem Bildschirm zu sehen, kann nicht mit dem Präsenzunterricht verglichen werden. Es wäre doch schön, wenn der Unterricht einmal mit einem auflockernden Scherz starten könnte, oder? Der Fernunterricht stösst schon bei diesem einfachen Beispiel an seine Grenzen. Kaum vorstellbar wie es wäre, einen Witz in der Klasse vorzutragen, und dann einen stummen Bildschirm vor sich zu haben. Der Bildschirm hebt auch für viele die Hemmschwelle an. Stellt ein Lehrer eine Frage im Onlineunterricht, so stösst er auf stummgeschaltete Kursteilnehmende. Das Studium lebt vom Austausch der Studierenden, den Diskussionen, die aus dem erlernten Stoff entstehen. Doch aktuell schränkt Covid-19 den gesellschaftlichen Austausch ein.
Trotz der Grenzen des Fernunterrichts und des schwierigen Unterrichtsstarts sind wir alle hier und können studieren. Dabei haben die Studierenden und die Dozierenden eigene Wege gefunden, mit der Situation umzugehen. Wir alle lernen, machen unsere Hausaufgaben, halten Abgabetermine ein und bereiten uns auf die Prüfungen vor. Schlussendlich bleibt trotz Covid-19 ein wichtiger Faktor gleich: wir sind nicht allein. Gemeinsam studieren wir und gestalten die Zukunft. Gemeinsam gehen wir durch das Studium, mit oder ohne Corona.
Sehr guter Text!
Spricht mir aus dem Herzen. Auch ich wünscht mir wieder mehr Normalität in unserem Schulaltag.
Bis dahin lese ich aber gerne weitere solche interessante Texte!:)
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